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Ein anderes Beispiel: ein und dieselbe Prüfung kann für den einen Prüfling, der sich
gut vorbereitet hat und im Prüfungsthema einigermassen sicher fühlt, als eine
Herausforderung angesehen werden, während sie für den nächsten Prüfling, der zwar
ebenfalls stundenlang gepaukt hat, aber sich im Thema sehr unsicher fühlt, eine
Bedrohung darstellt.
Im Rahmen der sekundären Bewertung schätzt der Mensch seine Bewältigungsmöglichkeiten
für die Situation ein, und zwar auf der Basis seiner Wahrnehmung über die ihm zur
Verfügung stehenden "Ressourcen". Was als Ressource in Frage kommt (z.B. die eigene
Kompetenz in einem Bereich, bestimmte Fähigkeiten zur Bewältigung einer Aufgabe, ein
hohes Mass an Selbstvertrauen, der Glaube an Gott, materielle Ressourcen wie z.B.
Geld oder soziale Ressourcen wie Macht über oder Unterstützung durch andere) kann
sehr unterschiedlich ausfallen und hängt von der jeweiligen Situation und ihrer
Wahrnehmung durch den jeweiligen Menschen ab.
Je ungünstiger diese subjektive Ressourcenbewertung ausfällt, je weniger die
wahrgenommenen Ressourcen für eine erfolgreiche Situationsbewältigung ausreichen oder
je mehr Unsicherheit darüber besteht, umso stärker ist die Stressreaktion, die hierdurch
ausgelöst wird. Die Stressreaktion äussert sich sowohl im subjektiven Empfinden
(z.B. Angst, Anspannung, Ärger etc.), in körperlichen Veränderungen
(im Hormonsystem und im muskulären System), als auch im Handeln der Person
(z.B. Aggression gegen andere, Rückzug, Konsum suchtförderlicher Substanzen).
Zur Bewältigung von Stresssituationen greift der Mensch auf subjektive
Bewältigungsstrategien zurück, sog. "Coping"-Strategien
(vom englischen Verb to cope = etw. bewältigen, zurechtkommen, mit etw. fertigwerden).
Sowohl die Ressourceneinschätzung als auch die Wahl der Bewältigungsstrategien hängt
von unterschiedlichen Faktoren ab, u.a. von persönlichen "Soll-Werten", von den
kognitiven Strukturen der Person, von ihren bislang gemachten Erfahrungen mit
bestimmten Situationen bzw. dem Erfolg bestimmter Coping-Strategien, sowie von der
wahrgenommenen Unterstützung durch andere.
Die jeweils gewählten Bewältigungsstrategien können funktional sein, d.h. zu einer
nachhaltigen Lösung eines Problems beitragen. Sie können aber auch "dysfunktional"
sein, d.h. erfolglos in Bezug auf eine Problemlösung, oder vom eigentlichen Problem
lediglich ablenkend. Je nach Rückmeldung über den Erfolg einer verwendeten
Lösungsstrategie oder durch das Hinzukommen von weiteren Ressourcen kann eine
Neubewertung der Situation erfolgen, z.B. ein Wechsel von der Wahrnehmung einer
Situation als "Bedrohung" hin zu einer "Herausforderung".
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10.11.2010 - cmz
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